Sachbuchtipp: „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm

Aus der Reihe „KundInnen der Buchhandlung empfehlen“ heute ein Tipp von Pastorin Susanne Bachmann-Günther: „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm. Der israelisch-deutsche Philosoph wurde in diesem Jahr auf der Leipziger Buchmesse mit dem „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ ausgezeichnet worden. Über das Buch schreibt Sisanne Bachmann-Günther:

„In letzter Zeit scheint sich die Debattenkultur so zu verändern, dass sich an den Rändern unserer Gesellschaft die Diskurse auf der rechten Seite des Spektrums um den Begriff der Nation drehen und das nationalstaatliche Denken, während auf der linken Seite mit Cancel Culture und dem Ansatz des postkolonialen Denkens der Diskursraum sich immer weiter verengt und mit moralischen Duktus vorgetragen wird. Beide Extreme drehen sich um Fragen der Identität. Angesichts dieser Herausforderungen ist die Frage wie das Menschenbild unserer Verfassung zu sichern ist. Der Rechtsphilosoph Böckenförde hat den Satz geprägt: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

Omri Böhm gelingt es, mit seinem Buch „Radikaler Universalismus“, eine Grundlage für das Menschenbild unserer Verfassung zu schaffen, die über dem von Menschen gemachten Gesetz steht und die eine Überwindung der Ungerechtigkeit ermöglicht. Dabei beruft er sich bei seinen Thesen sowohl auf Immanuel Kant als auch auf die Propheten des Alten Testaments.“

Omri Boehm: Radikaler Universalismus – Jenseits von Identität
Ullstein Verlag, 176 Seiten, 13,99 Euro
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Paul Auster verstorben

Er stand für viele für das „gute“, das begabte, intelligente, mitfühlende und intellektuelle Amerika und war wohl einer der europäischsten Autoren der USA: Im Alter von 77 Jahren ist Paul Auster verstorben. In seinem Romanen ging es meistens um die scheiternden oder zugescheiterten Menschen, um die Gestrandeten, denen er mit Empathie und Humor eine Geschichte gab. Der Zufall spielte dabei oft eine schicksalhafte Rolle.

Bekannt und gerade in Europa sehr gern gelesen wurde er mit der „New York Trilogie“, einer rätselhaften, absurden Story um einen Amateurermittler namens Paul Auster. Ganz anders aber auch tief beeindruckend der dystopische Roman „Im Land der letzten Dinge“. In „4 3 2 1“ erzählt Paul Auster auf über 1.200 unvergesslichen Seiten vier verschiedene Variationen des Lebens von Archibald Ferguson. „Baumgartner“ ist Austers letzter Roman, die selbstironische Altersgeschichte eines reifen, sehr verliebten Mannes zwischen Erinnerung, Verlust und Aufbruch. Paul Austers Bücher erzählen die besonders seltsamen Wahrheiten des Lebens und sie geben Hoffnung.

Paul Auster: „Die New York Trilogie“
Rowohlt Taschenbuch, 414 Seiten, 16 Euro
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Paul Auster: „4 3 2 1“
Rowohlt Taschenbuch, 1.264 Seiten, 20 Euro
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Paul Auster: „Baumgartner“
Rowohlt, 203 Seiten, 22 Euro
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Buchtipp: „Tahara“ von Emanuel Bergman

Mit „Tahara“ hat Emanuel Bergman einen besonders rasanten Roman vorgelegt. Wir begleiten den Protagonisten Marcel Klein, passionierter Cineast jüdischer Herkunft und bestens vernetzter Filmjournalist, nach Cannes. Er fährt im Auftrag einer deutschen Zeitschrift zum Filmfestival, denn hier wird das Kino mit reichlich Glamour exzessiv gefeiert.

Im Hotel kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung: Er trifft auf Héloïse, eine schöne, melancholische und etwas rätselhafte Französin. Gleichzeitig stoßen sie sich ab und ziehen sich magisch an. Marcel liebt das Kino, verachtet aber die heuchlerischen Akteure der Szene, die die Puppen tanzen lässt. Er vermasselt ein Promi-Interview und die Kulissen beginnen zu bröckeln.

Mit Héloïse entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Sie streiten, kämpfen und lieben mit- und gegeneinander. Er, der Hochstapler und sie, die Kleptomanin, leiden unter den Traumata ihrer Vergangenheit. Bei Marcel Klein liegt das Problem in der Beziehung zu seinem verstorbenen Vater, dessen Anerkennung er erfolglos herbeisehnte. Erst zur „Tahara“, der rituellen Totenwaschung war er seinem Vater persönlich wiederbegegnet.

Marcel und Héloïse stehen nun kurz vor dem Zusammenbruch und klammern sich aneinander. Atemlos, fassungslos und verknallt folgt man einer Tour de Force der beiden bis in den Abgrund und darüber hinaus. Danach erstmal einen Pastis zur Entspannung.

Emanuel Bergman:
Tahara
Diogenes, 288 Seiten, 25 Euro
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Buchtipp: „Mein Föhr“ von Susanne Fischer

Inseltripp im Kopf: Die Sonntagssonne vor Leas Röstlaube scheint in „Mein Föhr“ von Susanne Fischer. Das Buch ist in der wunderschönen Inselreihe von mare erschienen. Schon die Titel über Helgoland, Bornholm, Normandie und Bretagne (quasi ehrenhalber Inseln) haben begeistert. Nun gibts ein Büchlein über die Nordseeinsel Föhr, geschrieben von Susanne Fischer, der Leiterin der Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld. Föhr hatte auf ihrem „Atlas der piepegalen Inseln“ einen der allerletzten Plätze eingenommen, bis sie den Schritt in dieses Nordseeabenteuer wagte und großer Fan der Insel wurde. Gelassen plaudernd erzählt sie von Wyk und anderen Dörfchen, von der Natur, die es hier reichlich gibt, einem Walfänger, heute, gestern, damals … ideal für einen erholsamen Kurzurlaub in Gedanken und in Wirklichkeit.

Susanne Fischer:
„Mein Föhr“
mare, 192 Seiten, 20 Euro
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Buchtipp: „Knife“ von Salman Rushdie

„Knife“ ist der Titel des neues Buches von Salman Rushdie, der im August 2022 in New York bei einem Attentat schwer verletzt worden ist. Fünfzehn Mal hatte ein islamistischer Attentäter auf ihn eingestochen, wodurch er ein Auge verloren hat und seitdem körperlich beeinträchtigt ist. In diesem Buch verarbeitet er diese existentielle Erfahrung. Er kämpfte um sein Leben, sein Augenlicht, seine Selbstbestimmung. Er rupft mit dem Attentäter sein Hühnchen.

Das Buch ist ein zunächst ein bestürzendes Zeugnis für diesen Überlebenskampf des schwer verletzten Schrittstellers, aber dann vor allem ermutigendes Plädoyer für die Sprache, für Lebenslust und für seinen Humor und die Liebe, die den Hass überwinden. Das Buch ist in diesen Tagen gleichzeitig in mehreren Sprachen weltweit erschienen.

Salman Rushdie:
„Knife – Gedanken nach einem Mordversuch“
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Penguin Verlag, 256 Seiten, 25 Euro
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BücherLese Frühling 2024: die 26 interessantesten Titel der Saison

Sternkopf & Hübel Dreamteam: Vor voller Hütte wurden bei der BücherLese Frühling 2024 die 26 interessantesten Neuerscheinungen der Saison vorgestellt. Im Mittelpunkt stand die Belletristik, außerdem hat das Team Sachbücher, Krimis sowie Kinder- und Jugendbücher empfohlen. Ein schöner Abend, gewidmet den neuen Büchern dieser Monate. Die vollständige Bücherliste gibt es im Laden oder kann per E-Mail angefordert werden: sternkopf.huebel@web.de

Zwei Buchtipps: „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ von Caroline Wahl

Jetzt als Taschenbuch! Das wunderbare Debüt von Caroline Wahl: „22 Bahnen“. Das beeindruckende Buch über Tilda, ihre kleine Schwester Ida und die alkoholkranke Mutter wurde im letzten Jahr zum Lieblingsbuch der deutschen Buchhandlungen gewählt.

Caroline Wahl
„22 Bahnen“
DuMont Taschenbuch, 205 Seiten, 13 Euro
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Und schon jetzt vormerken: Das nächste Buch von Caroline Wahl, „Windstärke 17“ erscheint am 15. Mai. Im Mittelpunkt steht jetzt Ida, die kleine Schwester, voller Wut, Traurigkeit und Einsamkeit. Sie reißt aus und landet auf Rügen. Dort wird’s stürmisch.

„Windstärke 17“
DuMont, 255 Seiten, 24 Euro
Erscheint am 15. Mai
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Rückblick: Markus Orths las bei Kunst & Bühne aus seinem Roman „Mary & Claire“

Der Autor Markus Orths war in Celle. Er las aus seinem Roman „Mary und Claire“ über die Autorin Mary Shelley und ihre Stiefschwester Claire. Die beiden jungen Frauen brennen Anfang des 19. Jahrhunderts von London aus mit Percy in einer wilden Mènage à Trois durch und flüchten quer durch Europa. Die drei verstoßen gegen alle bürgerliche Ideale und Konventionen und treffen im Lauf einer chaotischen Reise am Genfer See auf einen weiteren Exzentriker: Lord Byron.

Eine verrückte Geschichte in der Epoche der Romantik, die zu einer wichtigen Inspiration der europäischen wurde. In der Nacht am Genfer See entwickelte Mary Shelley die Idee zu ihrem Buch „Frankenstein“, das später zum internationalen Klassiker der Gruselliteratur wurde.

Markus Orths:
„Mary & Claire“
Hanser Verlag, 304 Seiten, 26 Euro
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„Trophäe“, „Minihorror“ und „Ein schönes Ausländer Kind“ – drei herausragende Romane, viel diskutiert in Leipzig

Gefühlt der spannendste Stoff von der Leipziger Buchmesse in der Belletristik – drei iintensiv diskutierte, viel besprochene und gefeierte Romane:

„Trophäe“ von Gaea Schroeters
Zsolnay Verlag, 254 Seiten, 24 Euro
Hunter White ist passionierter Jäger. Zu den „Big Five“ fehlt ihm nur noch das Nashorn. Da kommen ihm im letzten Moment Wilderer zuvor. Stattdessen beginnt er jetzt eine ganz andere Jagd.
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„Minihorror“ von Barbi Markovic
Residenz Verlag, 186 Seiten, 24 Seiten
Mini und Miki kämpfen gegen die Widrigkeiten der menschlichen Existenz. Die Gräuel des Alltags werden hier auf die Spitze getrieben und durchaus humorvoll verarbeitet. Das schräge Buch wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet.
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„Ein schönes Ausländerkind“ von Toxische Pommes
Zsolnay Verlag, 206 Seiten, 23 Euro
Die Autorin mit dem kulinarischen Pseudonym ist bekannt in den sozialen Medien. In ihrem ersten Roman erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die als Kind mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg in Kroatien nach Österreich geflüchtet ist. Eine vorbildliche Migrantin will sie sein und lenkt unseren Blick auf die schrägen Seiten unserer Gedellschaft.
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Alle drei Bücher höchst speziell, lesenswert, sehr zu empfehlen.

Total kafkaesk: hundertster Todestag von Franz Kafka – der moderne Klassiker weiterhin empfehlenswert

Wann habt Ihr zuletzt Kafka gelesen? Schon die grandiose Kurzserie im Ersten gesehen? Der Todestag von Franz Kafka jährt sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal. Ein Grund, sich mal wieder diesen Autor vorzunehmen. Kafka hat einen legendär klaren Stil. Surreale Elemente seiner Texte, Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben, nehmen die Unmenschlichkeit der damals bevorstehenden Diktaturen vorweg. Sprachlich und erzähltechnisch sind sind seine Texte modern und zeitlos und werden weltweit geschätzt.

In der Buchhandlung findet ihr einiges Lesenswerte von und über Kafka: So gibt es bei Reclam schöne, kleine Neuausgaben seiner Erzählungen, Aphorismen und Parabeln. Wer es gründlich mag, sollte zur Neuausgabe vom „Process“ im Wallstein Verlag mit umfassenden Anmerkungen des Kafka-Experten Reiner Stach greifen. Spannend sind die bei Fischer erschienenen Tagebücher, in denen sich viele sehr persönliche Bezüge zu Kafkas Werken, seiner Familie und seiner Zeit finden.

Kafka war begeisterter Kinogänger. Was ihn wie inspiriert hat, erzählt Hanns Zischler sehr vergnüglich in „Kafka geht ins Kino“. Zum Buch gehört eine DVD mit den Filmen, die Kafka gesehen hat. Wer noch mehr über Kafka erfahren möchte, ist mit der neuen Kafka-Biographie von Rüdiger Safranski bestens beraten.

Welche Leseerfahrungen habt Ihr mir Kafka gemacht?

  • Franz Kafka: Der Geier – Parabeln / Ein Landarzt – Erzählungen / „Die Wahrheit ist unteilbar“ – Die Aphorismen / Die Verwandlung, Reclam, ca. 100 Seiten, je 6 Euro
  • Franz Kafka: Der Process, umfassend kommentiert von Reiner Stach, Wallstein Verlag, 397 Seiten, 34 Euro
  • Franz Kafka: Tagebücher, 3 Bände
    S. Fischer Taschenbuch, je 15,- bis 18,- Euro
  • Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino
    Galiani Verlag, 216 Seiten inkl. DVD, 39,90 Euro
  • Rüdiger Safranski: Kafka – Um sein Leben schreiben
    Hanser, 256 Seiten, 26 Euro