Was denken eigentlich Männer – noch schwieriger zu erahnen oder vielleicht noch uninteressanter – was denken alte Männer? Jon Fosse, der norwegische Literaturnobelpreisträger, braucht nur 160 Seiten, um in seinem neuesten Roman „Vaim“ den Gedankenkosmos seiner drei kauzigen Mannsbilder zu entwerfen. In seinem unvergleichlich poetisch-melancholischen Stil ohne Punkt tauchen wir ein in die Gedankenströme dieser Männer, die natürlich unüberbrückbare Hemmungen haben, sich in Worten, also mündlich sprachlich zu ihren Gefühlen zu bekennen. Dafür gibts ja Elina, der Jugendschwarm von Jatgeir und zeitweilig abtrünnige Ehefrau von Olav, den Elina aber lieber Frank nennt. Sie allein bestimmst, wo es langgeht. Als Leser spürt man die Tiefen der norwegischen Fjorde und das nasskalte Wetter, dem man auf der Schnigge (das ist ein Bootstyp) von Jatgeir ausgesetzt ist, hervorragend, stimmungsvoll und hintergründig humorig übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Ein ganz wunderbares Buch für traurige Männer, die insgeheim gerne mal eine Frau rauben würden, und muntere Frauen, die selber bestimmen, von wem sie sich klauen lassen. Sehr zu empfehlen!
Jon Fosse: Vaim
Rowohlt Verlag, 160 Seiten, 24,-
Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
Autorenfoto: Tom A. Kolstad / Det Norske Samlaget
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